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Zwei Wege - Eine Katastrophe: Übereinstimmungen und Unterschiede in deutschen Europakonzepten, für die Wolfgang Schäuble und Jürgen Habermas stehen. Flugschrift No. 1 von Hans-Rüdiger Minow. Januar 2016. Als e-book (10,- Euro) oder in Print (18,90 Euro). Flugschrift hier bestellen.

Deutsche Großraumwirtschaft

Vor 1871

In der Phase der Konstituierung des Deutschen Zollvereins (1834) entstanden erste Pläne für eine europäische Großraumwirtschaft unter deutscher Führung.
Die Manufakturnationen Preußen und Österreich sollten dabei die Hegemonie über ein Gebiet von der Nordsee bis zum Schwarzen Meer übernehmen. Den Ländern Ost- und Südosteuropas wurde der Status von Agrar- und Rohstoffproduzenten zugeschrieben. Gleichzeitig sollten sie als deutsche Absatzmärkte und als Handelsbrücke in den Nahen Osten dienen. Gebiete Afrikas und Lateinamerikas waren als "Ergänzungszonen" vorgesehen.
Mit diesem Kontinentalimperialismus wurde eine deutsche Großmachtstellung in Konkurrenz zu Rußland und den Seemächten Großbritannien und Frankreich beabsichtigt. Als Grundlage der wirtschaftlichen Durchdringung weiter Teile Ost- und Südosteuropas galt neben der Kontrolle der Donau der Bau von Eisenbahnlinien, den preußische und österreichische Kapitalgeber in dieser Periode in großem Maße vorantrieben.



Friedrich List
Das nationale System der politischen Ökonomie (1841)

In: Schriften, Reden, Briefe Band VII, hrsg. von Friedrich Lenz - Neudruck
Aalen: Scientia-Verlag, 1971
ISBN 3-511-02550-8

Die Geburtsstunde der deutschen Nationalökonomie ist auch die Geburtsstunde der Pläne eines deutschen Kontinentalimperialismus und des Konzepts der europäischen Großraumwirtschaft unter deutscher Führung. Die Länder Ost- und Südosteuropas sollten auf die Stufe von Agrar- und Rohstofflieferanten degradiert werden. Der Autor Friedrich List gilt bis heute als "Vater der deutschen Nationalökonomie".

1871-1918

Neben der ökonomischen Durchdringung mittels Eisenbahnbauten und Kapitalanleihen kristallisierte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die völkische Variante der deutschen Expansion heraus, die auf territoriale Angliederung und die Unterminierung und Kontrolle der ins Visier genommenen europäischen Staaten setzte, unter anderem durch die Förderung deutscher Minderheiten. Diese Zielsetzung vertraten vornehmlich Kreise der Schwerindustrie, der Großgrundbesitzer (Junker) und des Mittelstandes. Zu ihrem wichtigsten Sprachrohr wurde der um 1890 gegründete Alldeutsche Verband.
Eine zweite Fraktion, die sich vor allem aus Kreisen der neueren Industrien wie der Elektro-, Chemie- und Exportindustrie sowie der diesen verbundenen deutschen Banken zusammensetzte, befürwortete eine Ausweitung und Absicherung deutscher Wirtschaftshegemonie in Europa mittels bi- und multilateraler Zollbündnisse. Ihr wesentliches Vertretungsorgan war bis zum Ersten Weltkrieg der 1903 gebildete "Mitteleuropäische Wirtschaftsverein".
Trotz taktischer Differenzen bestand zwischen beiden Fraktionen Einigkeit in der Zielsetzung einer europäischen Großraumwirtschaft unter deutscher Führung, die - in vielen Plänen, populären Broschüren und Strategiepapieren beschrieben - mittlerweile von der Nordsee bis zum Persischen Golf reichen sollte. Umschrieben wurde dieses Ziel von beiden Fraktionen mit dem Begriff "Mitteleuropa".
Da die "Pénétration pacifique" ("friedliche Durchdringung") auf dem Weg von Kapitalanleihen und der Realisierung von Zollbündnissen zunehmend auf Widerstände und Schwierigkeiten stieß, suchten die beiden Fraktionen übereinstimmend den Ausweg in einer gewaltsamen Durchsetzung einer "Mitteleuropäischen Großraumwirtschaft" gegen England, Frankreich, Rußland und die USA. Hierin bestand die deutsche Hauptmotivation für die Entfesselung des Ersten Weltkrieges.



Von einem Alldeutschen
Großdeutschland um das Jahr 1950

Berlin 1895

Verfasser dieser Programmschrift war der Vorsitzende des Alldeutschen Verbandes, Ernst Hasse (1846-1908). Er prophezeite die Realisierung eines "mitteleuropäischen Zollvereins" unter deutscher Führung bis zum Jahr 1950. Dieser Verband sollte von der Nord- und Ostsee bis zur Adria und dem Schwarzen Meer reichen. Nach Osten und Südosten seien "der Entwicklung des Deutschtums natürliche Grenzen nicht gesteckt".



Arthur Dix
Deutscher Imperialismus

Leipzig: Dieterich Verlag, 1912

Dix benannte offen, welches Ziel im Deutschen Reich mit der Initiierung und Realisierung eines europäischen Zollverbandes verbunden wurde: Ein "mitteleuropäischer Staatenbund- Imperialismus". Die Priorität bestimmte der Autor folgendermaßen: "Die eigenen Interessen des Reiches verweisen uns (...) auf den Zusammenhalt mit dem europäischen Südosten: auf die gemeinsame Freihaltung des mitteleuropäischen durch Vorderasien führenden Ausgangs nach dem Indischen Ozean hin; auf die wirtschaftliche Annäherung und wechselseitige Kräftigung des Landes zwischen Elbe und Euphrat; auf die Ergänzung unserer volkswirtschaftlichen Produktion durch die Produktion in Südosteuropa und die zu entwickelnden vorderasiatischen Kulturen; auf den festen militärpolitischen Zusammenhalt der Lande quer durch Mittel- und Südosteuropa in der Abwehr nach Ost und West."



Konrad von Winterstetten
Berlin-Bagdad
Neue Ziele mitteleuropäischer Politik (12. Auflage)

München 1915

Diese Broschüre, die zwischen 1913 und 1915 zwölf Auflagen erreichte, veröffentlichte der Geschäftsführer des Alldeutschen Verbandes, Albert Ritter, unter dem Pseudonym von Winterstetten. Er forderte die Errichtung eines Bundes von Staaten "quer durch Mittel- und Südosteuropa" von Berlin bis Bagdad. Diesen Bund benötige das Deutsche Reich als Absatzgebiet, als Rohstoffbasis und als Siedlungsgebiet. Am verletzbarsten seien die politischen Interessen des Deutschen Reiches in Südosteuropa, die Abschneidung des Balkanweges bedeute für "Mitteleuropa" die Blockade und Aushungerung.



Willibald Gutsche
Mitteleuropaplanungen in der Außenpolitik des deutschen Imperialismus vor 1918

In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 20 (1972), S. 533-549

Gutsche stellt die Planungen für eine mitteleuropäische Zollunion vom Ende des 19. Jahrhunderts bis 1918 dar, die schliesslich zum Kriegsziel des Deutschen Reiches im Ersten Weltkriegs wurden. Er zeigt, dass das zentrale deutsche Herrschaftsprojekt - die mitteleuropäische Zollunion - den USA und Russland die Stirn bieten und zugleich dem Deutschen Reich die ökonomisch begründete Vorherrschaft innerhalb Europas sichern sollte.



Zdenek Jindra
Über die ökonomischen Grundlagen der "Mitteleuropa"-Ideologie des deutschen Imperialismus

In: Obermann, Karl (Hg.): Probleme der Ökonomie und Politik in den Beziehungen zwischen Ost- und Westeuropa vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart.

Schriftenreihe der Kommission der Historiker der DDR und der CSR Band 3, Berlin 1960, S. 139-162

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war - wie Jindra darlegt - Mittel- und Osteuropa das Gebiet, in das die Hauptrichtung der deutschen Expansion wies. Auf der ökonomischen Durchdringung dieses Gebietes basierten die politischen Planungen für einen mitteleuropäischen Zollverein. Es war das Ziel sowohl des deutschnational-chauvinistischen Alldeutschen Verbandes als auch der Mitteleuropäischen Wirtschaftsvereine, den mitteleuropäischen Zollverein politisch herbeizuführen.



Friedrich Naumann
Mitteleuropa

Berlin 1915

Unter Rückgriff auf Strategien, die im Umfeld der neueren Industrien (v.a. chemische Industrie und Elektroindustrie) entwickelt worden waren, formulierte Friedrich Naumann 1915 seine Schrift "Mitteleuropa". Das populärwissenschaftliche Kriegszielprogramm wurde im Deutschen Reich zum Bestseller. Naumann forderte, am Ende des Krieges müsse ein von Deutschland geführter "mitteleuropäischer" Wirtschaftsbund stehen, der die Kernstaaten Deutschland und Österreich-Ungarn sowie als angegliederte Gebiete der zweiten Stufe Holland, Belgien, die Schweiz, Serbien, Montenegro, Bulgarien und Rumänien umfassen solle.



Thomas G. Masaryk
Pangermanism and the Eastern Question

In: The New Europe, 1916


André Chéradame
The Pangerman Plot Unmasked

New York 1917

Sowohl der spätere tschechoslowakische Präsident Masaryk als auch der französische Journalist Chéradame sahen in der deutschen Expansion nach Ost- und Südosteuropa und bis in den Nahen Osten das vorrangige Kriegsziel des Deutschen Reiches. Diesem Kriegsziel ordneten sie die Planung für ein "mitteleuropäisches" Zoll- und Wirtschaftsbündnis unter deutscher Führung zu. Unter Hinweis auf Schriften von List, Lagarde, des Alldeutschen Verbandes und anderen betonten Chéradame und Masaryk die kontinuierliche Verfolgung dieser Ziele von der Reichsgründung bis in den Ersten Weltkrieg.



Martin Bennhold
Europa: Expansionsstrategien und -ideologien des deutschen Kapitals 1840-1918

In: Marxistische Blätter 6 (1992), S. 58-65

Ausgehend von den Konzepten von Friedrich List schildert Bennhold die Entwicklung deutscher expansionistischer Programme. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich neben den blutigen, gegen Frankreich und Russland gerichteten Kriegsplänen der Schwerindustrien eine flexiblere Strategie, die unter dem Schlagwort "Mitteleuropa" vor allem mit ökonomischem Druck in Richtung Südosteuropa strebte.

1918-1945

Durch den verlorenen Krieg und die Friedensverträge in die Defensive gedrängt, ging es der deutschen Politik zunächst um die Verhinderung von multilateralen Zollbündnissen, in denen eine deutsche Teilnahme nicht vorgesehen war, z.B. einer Donauföderation von Österreich und ost- und südosteuropäischen Staaten. Ebenso richteten sich die deutschen außenpolitischen Aktivitäten in der Weimarer Republik gegen das französische Paneuropa-Projekt, durch welches eine deutsche Hegemonie auf dem Kontinent ausgeschlossen werden sollte. Ein wesentliches Mittel der "stillen Diplomatie" zur Aufrechterhaltung der Großraumansprüche war die großzügige geheime Finanzierung deutscher Minderheiten in Ost- und Südosteuropa. Als Lobbyorganisation zur Realisierung deutscher Großraumpläne entstand 1925 die Deutsche Gruppe des Mitteleuropäischen Wirtschaftstages. Direkt nach der Weltwirtschaftskrise 1929/30 entstanden in diesen Kreisen - und nicht erst, wie vielfach kolportiert, nach 1933 unter nationalsozialistischer Herrschaft - die neueren Pläne einer jetzt auch offen so genannten "Deutschen Großraumwirtschaft". Diese zielten auf eine langfristige Unterordnung und Kontrolle weiter Teile Ost- und Südosteuropas durch den Abschluß bilateraler devisenloser Austauschverträge. Erste Verträge wurden bereits 1931/32 abgeschlossen. Sie verfuhren nach dem Grundsatz: Deutsche Industrieerzeugnisse gegen ost- und südosteuropäische Agrarprodukte und Rohstoffe.
Mit dem "Neuen Plan" des Wirtschaftsministers Schacht von 1934 wurden derartige Clearingverträge zum entscheidenden Mittel der nationalsozialistischen Außenwirtschaftspolitik in Vorbereitung des 2. Weltkrieges. Bedeutende Anteile des deutschen Importbedarfs wurden von Nord- und Südamerika auf Ost- und Südosteuropa umgelenkt, damit zu Kriegszwecken auf eine blockadesichere deutsche Nahrungsmittel- und Rohstoffbasis zurückgegriffen werden konnte. Zur langfristigen Durchsetzung einer "organischen Arbeitsteilung" in der europäischen Großraumwirtschaft arbeiteten Strategen des Mitteleuropäischen Wirtschaftstages unter Führung der IG Farben in Kooperation mit der deutschen Regierung in den 1930er Jahren an einer Umstrukturierung der Wirtschaft Ost- und Südosteuropas.
Dabei wurde eine weitgehende Deindustrialisierung dieses Gebietes und die Ausrichtung dessen landwirtschaftlicher Produktion auf die Bedürfnisse des deutschen Marktes angestrebt. Neben der Ausplünderung wichtiger Ressourcen wurde diese langfristige Zielsetzung auch während des Zweiten Weltkrieges weiterverfolgt. Die militärische Hegemonie über den wirtschaftlichen "Ergänzungsraum" Ost- und Südosteuropa war Voraussetzung der deutschen Kriegsfähigkeit.



Martin Bennhold
Europa: Expansionsstrategien und -ideologien des deutschen Kapitals 1918 bis heute

In: Marxistische Blätter 1 (1993), S. 64-70

Mit einer Denkschrift des deutschen Kanzlers Max von Baden wurde der "ethische Imperialismus" 1918 zur Legitimationsstrategie deutscher Großmachtpläne erhoben. Die deutsche Politik sollte sich bei Expansionsversuchen von nun an auf "allgemeine Menschheitsziele" berufen. Ein solches Ziel sei der Minderheitenschutz, mit dem seit der Weimarer Republik die Einflussnahme auf sogenannte "deutsche Minderheiten" in Ost- und Südosteuropa begründet wird.



Dirk Stegmann
"Mitteleuropa" 1925-1934 Zum Problem der Kontinuität deutscher Außenhandelspolitik von Stresemann bis Hitler

In: Stegmann, Dirk; Wendt, Bernd-Jürgen; Will, Peter-Christian (Hg.), 1978 Industrielle Gesellschaft und politisches System. Beiträge zur politischen Sozialgeschichte Festschrift für Fritz Fischer zum siebzigsten Geburtstag

Bonn: Verlag Neue Gesellschaft, 1978, S. 203-221
ISBN 3-87831-269-5
28.- DM

Die deutsche Aussenhandelspolitik verfolgte, so Stegmann, von 1925 bis 1934 dasselbe Ziel: Den Aufbau eines deutsch dominierten Wirtschaftsraumes in "Mitteleuropa", der in Ermangelung politischer und militärischer Macht mit ökonomischen Mitteln durchgesetzt werden sollte. Der zunächst defensive, seit 1927/28 offensiv gewendete ökonomische Expansionismus der Industrie und der Ministerialbürokratie in Richtung Ost- und Südosteuropa mündete in die deutschen Kriegsvorbereitungen.



Wilhelm Gürge/Wilhelm Grotkopp (Hg.)
Großraumwirtschaft
Der Weg zur europäischem Einheit

Berlin 1931

Leitmotiv dieses Sammelbandes, der große Wirkung entfaltete, war es, "die Idee Mitteleuropas, die von unserem großen Friedrich List erstmalig geäußert, später von Friedrich Naumann ausgearbeitet wurde, zu Ende zu denken und sie einer praktischen Lösung entgegen zu führen." Das Buch ging aus Vortragsabenden der Studiengesellschaft für Mittel- und Südosteuropa in Berlin hervor.



Joachim Petzold
Zur Kontinuität der Balkanpolitik des deutschen Imperialismus in der Zeit der Weimarer Republik

In: Jahrbuch für Geschichte der sozialistischen Länder Europas Band 19/2 (1975), S. 173-183

Während der gesamten Zeit der Weimarer Republik versuchte Deutschland auf dreierlei Weise, Einfluss auf die Balkanstaaten zu gewinnen: Mittels intensiver Wirtschaftsbeziehungen, über die Kontakte zu deutschfreundlichen Kreisen in den ehemals verbündeten Staaten und durch die Pflege sogenannter deutscher Minderheiten in Südosteuropa. Zunächst stellte man die deutsche Einflussnahme auf dem Balkan als lediglich kulturelle Unterstützung dar; gegen Ende der zwanziger Jahre begannen einflussreiche Kreise (etwa in der vielgelesenen politischen Zeitschrift "Die Tat"), offen von politischen Interessen zu sprechen.



Erwin Wiskemann
Mitteleuropa
Eine deutsche Aufgabe

Berlin 1933

Anknüpfend an die Konzepte von Friedrich List formulierte Wiskemann - zuerst im Rahmen eines Vortrages vor der Deutschen Gruppe des Mitteleuropäischen Wirtschaftstages Ende 1932 - das Modell einer vom Deutschen Reich geführten Großraumwirtschaft unter Einschluß weiter Teile Ost-und Südosteuropas. Auf der Tagesordnung stehe das alte Ziel von List: Die "raumpolitische und raumökonomische Neugestaltung der europäischen Mitte und des Südostens durch Deutschland."



A. Deborin
Die Mitteleuropa-Idee in der Propaganda der deutschen Imperialisten
Zur Geschichte der ideologischen Vorbereitung der beiden Weltkriege

In: Neue Welt 22 (1954), 2733-2747

Neben den Plänen, Kolonialreiche in Zentralafrika oder im Nahen Osten zu schaffen, entwickelte die deutsche Außenpolitik unter der Bezeichnung "Mitteleuropa" Pläne, weite Teile Europas unter ihre Herrschaft zu bringen. Deborin beschreibt zahlreiche Mitteleuropa-Konzeptionen von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis in die vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Diese haben bei der ideologischen Vorbereitung und der propagandistischen Begleitung beider Weltkriege eine wichtige Rolle gespielt.



Wolfgang Schumann/Ludwig Nestler (Hg.)
Weltherrschaft im Visier
Dokumente zu den Europa- und Weltherrschaftsplänen des deutschen Imperialismus von der Jahrhundertwende bis Mai 1945

Berlin: VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1975
(nur noch antiquarisch oder über Bibliotheken erhältlich)



Gerhart Hass/Wolfgang Schumann (Hg.)
Anatomie der Aggression
Neue Dokumente zu den Kriegszielen des faschistischen deutschen Imperialismus im zweiten Weltkrieg

Berlin: VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1972
(nur noch antiquarisch oder über Bibliotheken erhältlich)



Dietrich Eichholtz/Wolfgang Schumann (Hg.)
Anatomie des Krieges
Neue Dokumente über die Rolle des deutschen Monopolkapitals bei der Vorbereitung und Durchführung des zweiten Weltkrieges

Berlin: VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1969
(nur noch antiquarisch oder über Bibliotheken erhältlich)



Wolfgang Schumann (Hg.)
Griff nach Südosteuropa
Neue Dokumente über die Politik des deutschen Imperialismus und Militarismus gegenüber Südosteuropa im zweiten Weltkrieg

Berlin: VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1973
(nur noch antiquarisch oder über Bibliotheken erhältlich)



Manfred Menger/Fritz Petrick/Wolfgang Wilhelmus (Hg.)
Expansionsrichtung Nordeuropa
Dokumente zur Nordeuropapolitik des faschistischen deutschen Imperialismus 1939 - 1945

Berlin: VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1987
ISBN 3-326-00215-7
(nur noch antiquarisch oder über Bibliotheken erhältlich)

Von DDR-Historikern sorgfältig ausgewählte und kommentierte Dokumentensammlungen mit Strategiepapieren und Stellungnahmen deutscher Unternehmer, Politiker und Militärs zu den Plänen des deutschen Imperialismus mit Schwerpunkt auf der Zeit des Zweiten Weltkrieges.



Götz Aly/Christoph Diekmann u.a. (Hg.)
Modelle für ein deutsches Europa
Ökonomie und Herrschaft im Großwirtschaftsraum

Berlin: Rotbuch Verlag 1992
(Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik Band 10)
ISBN 3-88022-959-7
DM 28,-

Die Beiträge dieses Bandes befassen sich mit unterschiedlichen Aspekten der deutschen "Großraum"-Politik ab 1933. Die Herstellung einer deutschen Großraumordnung war das europäische Arbeitsprogramm der deutschen Eliten ab 1932/33, in dem zunächst "Mitteleuropa" und dann der gesamte Kontinent als riesige Ressource der deutschen Volkswirtschaft begriffen wurde. Der anvisierte europäische "Großwirtschaftsraum" bekam durch die politische Unterlegung mit dem Lebensraumkonzept eine spezifische Dynamik, die militärische Expansion und Massenvernichtungspolitik als Instrumente und Geburtshelfer der "Neuordnung Europas" einschloß.



Christoph Diekmann/Matthias Hamann u.a. (Hg.)
Besatzung und Bündnis
Deutsche Herrschaftsstrategien in Ost- und Südosteuropa

Berlin: Verlag der Buchläden, 1995
(Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik Band 12)
ISBN 3-924737-24-X
DM 26,-

Neben der Anwendung von Terror und Krieg war die wirtschaftspolitische "Neuordnung" der vom "Dritten Reich" dominierten und besetzten Gebiete die vielleicht wichtigste Herrschaftsstrategie zur Durchsetzung und Sicherung der auf Dauer angelegten deutschen Vorherrschaft in Europa. Die Beiträge dieses Bandes untersuchen an verschiedenen Beispielen die Kontinuitäten und Brüche dieser Politik und die Frage des "Bündnisses" der Eliten dieser Länder mit den Deutschen.



Richard Riedl
Weg zu Europa
Gedanken über ein Wirtschaftsbündnis Europäischer Staaten (W.E.St.)

In: Reinhard Opitz (Hg.): Europastrategien des deutschen Kapitals 1900-1945, Bonn (Pahl-Rugenstein Nachfolger) 1994, S. 990-1007

Im Herbst 1944 - die Nazis sind mit der Vernichtung des europäischen Judentums in den Gaskammern befasst und die Wehrmacht versucht, Deutschland vor dem endgültigen militärischen Zusammenbruch zu bewahren - verfasst Richard Riedl die Denkschrift "Weg zu Europa". Der Aufsichtsratsvorsitzende der zur IG Farben gehörenden Donau Chemie AG schlägt darin angesichts des Scheiterns des deutschen Eroberungskrieges vor, ein auf dem "Zusammenschluss freier Nationen" beruhendes "Kontinentaleuropäisches Wirtschaftssystem" zu gründen. Zu diesem Zweck ist Riedl bereit, auf militärische Eroberungen zu verzichten: "Wenn die Schaffung des europäischen Grossraumes, die vom Führer wiederholt als Ziel unserer Politik proklamiert wurde, in Form eines Wirtschaftsbündnisses durchgeführt werden soll, setzt dies allein schon unsere Absicht voraus, den nationalen Bestand der besetzten Gebiete und auch der kleinen Völker in ihrer staatlichen Selbständigkeit nicht anzutasten."

1945-1989

Durch den Marshall-Plan und die Vermeidung von Reparationen durch das Londoner Schuldenabkommen von 1952 wurde Deutschland schnell wieder zur führenden Wirtschaftsnation Europas. Die alten Pläne einer europäischen Großraumwirtschaft ohne Zollschranken unter deutscher Führung wurden auf dem Wege der Gründung und Beteiligung an der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), später der Europäischen Gemeinschaften (EG) bzw. Europäischen Union (EU) weiter verfolgt. In den ost- und südosteuropäischen Staaten verdrängte die deutsche Wirtschaft bereits in den 1950er Jahren wieder US-amerikanische und westeuropäische Konkurrenten. Trotz Hallstein-Doktrin wurde Deutschland in Ost- und Südosteuropa wichtigste Handelsmacht nach der Sowjetunion. Durch Kreditverträge und durch ein Ungleichgewicht bei den Terms of Trade trieb die Bundesrepublik die ost- und südosteuropäischen Staaten in Verschuldung und langfristige Abhängigkeit.



Gerhard Schröder
Für eine politische Union Europas
Presseerklärung des Bundesministers des Auswärtigen vom 25. April 1962. (Auszug).

In: Auswärtiges Amt der Bundesrepublik Deutschland: Aussenpolitik der Bundesrepublik Deutschland. Vom Kalten Krieg zum Frieden in Europa. Dokumente von 1949-1989
Bonn: 1990
ISBN 3-87959-438-4

Binnen eines Jahrzehnts gelingt es der westdeutschen Politik, bei der kontinentalen Verflechtung (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft/EWG) eine führende Rolle einzunehmen. In Europa solle "eine gemeinsame Volkswirtschaft" entstehen, "die zu den größten und bedeutendsten Wirtschaftsräumen der Welt gehört", heißt es in der Presseerklärung des damaligen Bundesaußenministers.



Ludolf Herbst
Die Bundesrepublik in den Europäischen Gemeinschaften

In: Wolfgang Benz (Hg.): Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Band 2: Wirtschaft
Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1989

Als die USA beschlossen, den Wiederaufbau des im 2. Weltkrieg von Nazideutschland verwüsteten Westeuropa mit dem Marshall-Plan zu unterstützen, stellte sich ihnen die Frage: "Wie sollte Deutschland" - so formuliert Herbst - "in die Lage versetzt werden, seine ökonomische Rolle in Europa zu spielen, ohne sein überlegenes Wirtschaftspotential zur Rückgewinnung einer hegemonialen Stellung nutzen zu können?" Die USA setzten darauf, Deutschland zur Integration in die Einigung Europas zu verpflichten, um einen dritten nationalen Alleingang auszuschließen. In diesem Sinne unterstützten sie die Gründung der Montanunion, später auch der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Europäischen Gemeinschaften (EG). Aus dem Aufsatz von Herbst geht hervor, dass es Deutschland gelang, wirtschaftlich in besonderem Maße von der europäischen Einigung zu profitieren.



Franz Josef Strauß
Herausforderung und Antwort. Ein Programm für Europa

Stuttgart: Seewald Verlag, 1968

Der CSU-Vorsitzende und damalige Bundesfinanzminister Franz Josef Strauß plädiert für eine weitgehende ökonomische und politische Einigung Westeuropas als Voraussetzung für weitere ökonomische Expansion. Ein geeintes Westeuropa, so Strauß, solle dann Osteuropa wirtschaftlich von sich abhängig machen; es gehe darum, Pläne zu entwickeln, "die mehr der inneren Verbindung der getrennten Teile Europas als der wirtschaftlichen Stärkung des osteuropäischen Regimes dienen".Auf diese Weise will Strauß letztlich die Einigung ganz Europas und in Verbindung damit die Vereinigung von BRD und DDR erreichen: "Eine deutsche Wiedervereinigung kann nur Wirklichkeit werden, wenn Westeuropa durch seine Entwicklung so anziehend wird, daß es wie ein Gravitationszentrum auf die Länder Osteuropas wirkt."



Reinhard Opitz
Deutsche Frage und Mitteleuropa-Diskussion

In: Marxistische Blätter 6 (1986), S. 21-30

Opitz bietet einen straffen Überblick über die zwei Hauptstrategien des deutschen Expansionismus seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Die eine, zurückgehend auf Expansionsinteressen der deutschen Schwerindustrie und zunächst vom Alldeutschen Verband propagiert, zielte auf die kriegerische Eroberung der Montangebiete Frankreichs und Belgiens. Die andere, von der Chemie- und Elektroindustrie favorisiert und unter dem Titel "Mitteleuropa" auf die ökonomische Eroberung Südosteuropas ausgerichtet, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg leicht modifiziert. Unter der Prämisse, die mittel- und osteuropäischen Völker müssten sich von der sowjetischen Herrschaft befreien, fand sie Eingang sowohl in antikommunistische Strategien als auch in die deutsche Friedensbewegung.


Martin Bennhold
Mitteleuropa - eine deutsche Politiktradition
Zu Friedrich Naumanns Konzeption und ihren Folgen

In: Blätter für deutsche und internationale Politik 8 (1992), S. 977-989

Anläßlich einer Rede des damaligen US-Vizepräsidenten Bush 1983 in Wien erörtert Bennhold die Aktualisierung der "Mitteleuropa"-Ideologie. Mit Schwerpunkt auf einer Darstellung der Naumann-Gruppe zeigt der Verfasser die expansionistischen Implikationen der "Mitteleuropa"-Diskussionen seit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert.



Friedrich Wilhelm Christians
Wege nach Rußland
Bankier im Spannungsfeld zwischen Ost und West

Hamburg: Hoffmann und Campe, 1989

Christians beschreibt die Verhandlungen, die er seit 1969 als Vertreter der Deutschen Bank mit sowjetischen Regierungsbeauftragten führte, um die deutsch-sowjetischen Wirtschaftsbeziehungen zu gestalten. Seine außenpolitische Konzeption bleibt nicht verborgen: Deutschland solle in einem geeinten Europa die Zuständigkeit für Mittel- und Osteuropa übernehmen. Seine Ostpolitik könne sich dann auf ein "europäisches Mandat" stützen und wäre nicht mehr dem Vorwurf ausgesetzt, "einseitige Wirtschaftsvorteile anzustreben". Insbesondere entwickelt Christians den Plan, ein deutsch-sowjetisches Industrie- und Technologiezentrum in Kaliningrad zu errichten, das gegebenenfalls zur Freihandelszone weiterentwickelt werden könne.

1989-2002

Nach dem Ende des Realsozialismus bemühte sich die deutsche Wirtschaft in Ost- und Südosteuropa um eine Separierung wirtschaftlich lukrativer Gebiete und Produktionszonen und um eine Abkoppelung wirtschaftlich uninteressanter und hoch verschuldeter Regionen. Dies bildete einen wesentlichen Hintergrund der deutschen Unterstützung für die Auflösung Jugoslawiens, der Tschechoslowakei und der Sowjetunion. Die neuen baltischen Staaten, Tschechien, Kroatien und Slowenien wurden neben Ungarn und Polen mittels Assoziierungsabkommen eng an die Europäische Union gebunden und durch Auflagen zur Umstrukturierung ihrer Wirtschaft gezwungen. Dies ging einher mit einer immer lautstärkeren Propagierung des Kerneuropa-Konzepts, also einer Hierarchisierung der Europäischen Union, in deren Entscheidungszentrum die deutsche Führungsmacht und ihr französischer Juniorpartner stehen sollen. Nach dem Vorstoß von Wolfgang Schäuble und Karl Lamers 1993 von den übrigen Staaten der Europäischen Union noch klar zurück gewiesen, setzt sich das deutsche Kerneuropa-Konzept mit darum gruppierten konzentrischen Kreisen verschiedener Produktionstiefen und Anbindungsgrade mittlerweile unter Gerhard Schröder und Josef Fischer schleichend durch.



Hans Peter Linss, Roland Schönfeld (Hg.)
Deutschland und die Völker Südosteuropas
Festschrift für Walter Althammer zum 65. Geburtstag

München: Südosteuropa-Gesellschaft, 1993

"Der Anschluß Osteuropas und Südosteuropas an Westeuropa versetzte Deutschland in die geographische Mitte Europas, seine Wirtschaftsstärke sowie eine bereits seit langem bestehende relativ starke Position im Handel und in den Kooperationsbeziehungen mit Ost- und Südosteuropa haben ihm einen fast uneinholbaren Vorsprung vor den übrigen westlichen Partnern verschafft" - so Franz-Lothar Altmann, stellvertretender Direktor des Südost-Instituts. Hans Peter Linss, Kuratoriumsvorsitzender der Südosteuropa-Gesellschaft, bestätigt: Deutschland hat im Warenaustausch mit den Staaten Südosteuropas "mittlerweile Platz 1 erreicht". Die Festschrift für Walter Althammer, der als Präsident der Südosteuropa-Gesellschaft und Bundestagsabgeordneter diese Entwicklung tatkräftig unterstützte, enthält auch einen Beitrag des damaligen Bundesfinanzministers Theo Waigel. Er erklärt, Südosteuropa sei ein "potentiell interessanter Markt", auf dem westliche Erzeugnisse abgesetzt werden könnten, und legt dar, welche Wirtschaftstätigkeiten er von Osteuropa erwartet: Produkte des Agrarsektors sowie der "Sektoren Textil, Eisen und Stahl".

Der Freistaat Bayern steuerte, wie der damalige bayerische Ministerpräsident Max Streibl in diesem Sammelband berichtet, schon in den 1970er Jahren auf die Zerschlagung Jugoslawiens zu. Seit 1970 betrieb er eine institutionalisierte bilaterale Zusammenarbeit nicht mit dem jugoslawischen Staat, sondern mit seinen Teilrepubliken. Seit 1978 erfolgte im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft Alpen-Adria auch eine multilaterale Zusammenarbeit mit den reicheren Teilrepubliken Slowenien und Kroatien. "Slowenien und Kroatien wurden über die Arbeitsgemeinschaft an Mittel- und Westeuropa angebunden. Ihr Weg in die Unabhängigkeit 1990/91 wurde nachhaltig von der Solidarität der Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft begleitet", berichtet Streibl. Besonders Bayern bezog eindeutig Position für den slowenischen und den kroatischen Separatismus: "Der Freistaat Bayern zählt zu den Ländern, die von Anfang an auf der Seite der beiden Republiken standen." Auch materiell: Er "steht mit seinen humanitären Leistungen, insbesondere für Kroatien, mit an vorderster Stelle".



Wolfgang Michal
Deutschland und der nächste Krieg

Berlin: Rowohlt, 1995

Michal geht der Frage nach: "Wie stark ist Deutschland heute in Europa?" Die deutsche Wirtschaft dominiert Europa schon heute, für fast alle EU-Staaten ist Deutschland der wichtigste Handelspartner. Michal kommt zu dem Schluß: "Mit Ausnahme Irlands hängen alle Länder der Europäischen Union von Deutschland ab, Deutschland aber von niemand." Seine ökonomische Vormachtstellung wird Deutschland durch die EU-Osterweiterung ausbauen können, denn es "bestreitet schon heute 50 Prozent des gesamten Osthandels der EU". Die starke Wirtschaft ist die Basis für die Aggressivität Deutschlands, in der Michal langfristig Kriegsgefahr erkennt.



Stefan Eggerdinger
Maastricht II und die Europastrategien des deutschen Kapitals

In: Streitbarer Materialismus Nr. 21 (1997), S. 7-62

Von der in Maastricht beschlossenen europäischen Wirtschafts- und Währungsunion wird, so Eggerdinger, vor allem Deutschland profitieren. Denn sie nimmt den teilnehmenden Staaten die Möglichkeit, im internationalen Konkurrenzkampf nationale Abwehrmechanismen anzuwenden, und stellt somit "eine Beschränkung der staatlichen Souveränität der Mitgliedsländer und Aspiranten dar, die immer zugunsten des ökonomisch Stärksten" - eben zugunsten Deutschlands - "ausfallen muß und wird." Die Erweiterung der EU in Richtung Osten wird dann der ökonomischen Beherrschung Osteuropas durch Deutschland den Weg freimachen.

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