german-foreign-policy.com
logo
Rekorde mit Risiken
10.02.2017
BERLIN
(Eigener Bericht) - Mit gemischten Gefühlen reagieren Wirtschaftskreise auf die neuen Exportrekorde der deutschen Industrie. Deutsche Unternehmen haben ihre Ausfuhren im Jahr 2016 auf ein Allzeithoch von 1,208 Billionen Euro gesteigert. Zudem haben sie ein Leistungsbilanzplus von 266 Milliarden Euro erzielt; auch dies ist mehr als je zuvor. Doch sind Risiken unübersehbar. So sind die Ausfuhren in Länder außerhalb der EU zurückgegangen, obwohl die bedeutendsten Zukunftsmärkte nach dem übereinstimmenden Urteil von Experten jenseits des europäischen Kontinents liegen. Die deutsche Exportindustrie ist wieder stärker als zuletzt von der EU abhängig, die tief in der Krise steckt. Der Austritt Großbritanniens aus der EU droht den Export in das Land, das in den vergangenen Jahren zum drittgrößten Absatzmarkt der Bundesrepublik geworden ist, zu schwächen. Nach dem politisch bedingten Einbruch des Russlandgeschäfts droht nun die neue US-Administration auch die deutsche Ausfuhr in die Vereinigten Staaten, Deutschlands Absatzmarkt Nummer eins, zu bremsen oder sogar zu reduzieren. Der Maschinenbau, eine Schlüsselbranche der deutschen Industrie, vermeldet bereits empfindliche Auftragsrückgänge im Vergleich zum Vorjahr - und versucht sich durch Wachstum in der EU und auf dem Inlandsmarkt zu behaupten, da Aufträge aus Drittstaaten ausbleiben.
Ein neues Allzeithoch
Die deutsche Wirtschaft hat ihre Exporte im vergangenen Jahr zum dritten Mal in Folge gesteigert und damit einen neuen Allzeitrekord erzielt. Dies berichtet das Statistische Bundesamt. Demnach sind die deutschen Ausfuhren 2016 um 1,2 Prozent auf 1,208 Billionen Euro gewachsen und liegen damit höher als je zuvor. Da die Importe aus dem Ausland gleichzeitig nur um 0,6 Prozent stiegen, hat die Bundesrepublik auch ihren Außenhandelsüberschuss erneut in die Höhe getrieben - auf nun 252,9 Milliarden Euro; auch dies ist ein Allzeitrekord. Bezieht man noch weitere Faktoren wie Dienstleistungen, Primär- und Sekundäreinkommen ein, so ergibt sich ein Leistungsbilanzplus von 266 Milliarden Euro, deutlich mehr als das Leistungsbilanzplus des Jahres 2015 in Höhe von 252,6 Milliarden Euro. Deutsche Unternehmen haben also erneut im Handel mit ausländischen Kunden mehr als eine Viertelbillion Euro netto kassiert.[1]
Stabilitätsgefährdende Überschüsse
Feiert das deutsche Establishment die wohlstandschaffenden Export- und Leistungsbilanzrekorde als Erfolg, so sind aus dem Ausland durchaus kritische Stimmen zu vernehmen. Die exzessiven deutschen Ausfuhren haben in den vergangenen Jahren zahlreichen Ländern Probleme bereitet. So verzeichneten etwa die tief in die Krise geratenen Staaten der südlichen Eurozone dauerhaft hohe Handelsdefizite gegenüber der Bundesrepublik; allein in den Jahren von 2010 bis 2015 flossen im Außenhandel - krisenfördernd - aus Griechenland 19 Milliarden Euro, aus Italien 56 Milliarden Euro und aus Spanien 63 Milliarden Euro in die reiche Bundesrepublik ab. Frankreich verlor über den Außenhandel im selben Zeitraum sogar 210 Milliarden Euro an Deutschland. Wegen der schädlichen Folgen solcher Abflüsse stuft die EU Leistungsbilanzüberschüsse von mehr als sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) als stabilitätsgefährdend ein. Die Bundesrepublik überschreitet diese Obergrenze bereits seit dem Jahr 2006 - auf Kosten der südlichen Eurostaaten - und hat ihr Leistungsbilanzplus nun von 8,3 Prozent (2015) auf 8,6 Prozent (2016) gesteigert. Nun droht jedoch Ärger von der neuen US-Administration: Die Vereinigten Staaten verzeichneten von 2010 bis 2015 Abflüsse nach Deutschland in Höhe von beinahe 225 Milliarden Euro; Präsident Trump will dies nicht länger hinnehmen und kündigt Strafmaßnahmen an (german-foreign-policy.com berichtete [2]).
Auf die EU zurückgeworfen
Trotz der jüngsten Rekordausfuhren sind die Zukunftshoffnungen in deutschen Wirtschaftskreisen durchwachsen. Dies liegt zum einen an der wieder zunehmenden Fokussierung deutscher Firmen auf die EU. Nach wie vor sind nicht nur die deutschen Direktinvestitionen im Ausland zu 56,6 Prozent auf die EU konzentriert; auch die Exporte gingen 2015 mit gut 58 Prozent mehrheitlich in die Union, und ihr Anteil stieg im vergangenen Jahr: Die Lieferungen in die EU wuchsen 2016 um 2,2 Prozent, während die Lieferungen in Drittstaaten - sie waren lange Jahre ein entscheidender Wachstumstreiber für den deutschen Export - um rund 0,2 Prozent schrumpften. Damit steigt die deutsche Abhängigkeit von der Union zu einem Zeitpunkt, zu dem diese - insbesondere der Euro - immer tiefer in die Krise gerät. Die nur mit knapper Not abgewendete Eskalation der italienischen Bankenkrise im Dezember verdeutlicht die Gefahren einer wachsenden Abhängigkeit von der EU.[3] Zudem liegen die bedeutendsten langfristigen Wachstumschancen außerhalb Europas: Laut Angaben der Vereinten Nationen ist der Anteil des europäischen Kontinents am realen Welt-Bruttoinlandsprodukt von 40,1 Prozent im Jahr 1970 auf 27,9 Prozent im Jahr 2014 geschrumpft und wird in den nächsten Jahren noch weiter fallen. Andere Volkswirtschaften, etwa die britische, die mehrheitlich außerhalb Europas investiert haben und mehrheitlich auf andere Kontinente exportieren, sind strategisch womöglich besser aufgestellt.
Ernste Risiken
Konkrete Probleme drohen deutschen Unternehmen vor allem aus Großbritannien und den USA. Großbritannien ist in den letzten Jahren zum drittgrößten Abnehmer deutscher Produkte geworden und hat 2015 Waren im Wert von fast 90 Milliarden Euro in der Bundesrepublik gekauft. 2016 sind die deutschen Lieferungen in das Vereinigte Königreich jedoch laut vorläufigen Berechnungen des Deutschen Industrie- und Handelskammertages um drei Prozent gefallen - da der Kursverlust des Pfundes nach dem britischen EU-Austrittsreferendum die deutschen Exporte verteuert hat. Der Effekt könnte sich durch den bevorstehenden EU-Austritt Großbritanniens verstärken, sollte es der Bundesregierung nicht gelingen, in den Post-Brexit-Regelungen günstige Handelsbedingungen für die deutsche Industrie durchzusetzen.[4] Darüber hinaus ist noch unklar, wie sich unter der Trump-Administration die Ausfuhren in die Vereinigten Staaten entwickeln, die aktuell der bedeutendste Käufer deutscher Produkte überhaupt sind. Sollte Washington tatsächlich Handelsrestriktionen verhängen, stünden der deutschen Wirtschaft überaus empfindliche Rückschläge bevor.
Unsichere Absatzmärkte
Besonders stark betroffen wären Paradebranchen der deutschen Industrie - die Autoproduktion und der Maschinenbau. Im Jahr 2015 exportierte die Bundesrepublik Kraftfahrzeuge und Kfz-Teile im Wert von rund 227 Milliarden Euro; dies entsprach 19 Prozent der deutschen Gesamtausfuhr. Der wichtigste Abnehmer waren mit 15 Prozent der Kfz-Exporte die USA; auf Platz zwei lag mit dem Kauf von 13 Prozent der deutschen Kfz-Exporte Großbritannien. Die Drohung der neuen US-Administration, den Kfz-Import zu verteuern, träfe die deutsche Automobilindustrie schwer - und zu einer Zeit, zu der der "Brexit" die deutschen Kfz-Exporte in das Vereinigte Königreich ernsthaft belasten könnte.
Stagnierende Schlüsselbranche
Stagnation vermeldet bereits jetzt der Maschinenbau. Laut vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamts ist die deutsche Maschinenbauproduktion im vergangenen Jahr real um 0,2 Prozent geschrumpft. Die Perspektiven sind ungünstig: Die Aufträge sind laut Auskunft des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) im vergangenen Jahr um real zwei Prozent zurückgegangen. Vor allem gegen Jahresende trübten sich die Aussichten parallel zur schwierigen politischen Lage ein: Von Oktober bis Dezember 2016 sank der Auftragseingang gegenüber dem Vorjahresquartal um real acht Prozent. Besonders signifikant war der Rückgang bei den Aufträgen aus dem Ausland, der sich im letzten Quartal 2016 auf zwölf Prozent belief und nur durch neue Inlandsbestellungen (plus vier Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum) aufgefangen werden konnte. Angesichts der Tatsache, dass die Exportquote im Maschinenbau im Jahr 2015 rund 77,4 Prozent betrug und die Branche entsprechend abhängig von ihren Ausfuhrerfolgen ist, wiegt dies besonders schwer.[5]
Freie Weltmärkte
Auf die Ausfuhr besonders stark angewiesen ist die deutsche Wirtschaft insgesamt. Während sich beispielsweise die Exporte Großbritanniens 2015 auf 27,3 Prozent des BIP beliefen, erreichten die deutschen Exporte 46,9 Prozent des BIP; die Abhängigkeit vom Verkauf der eigenen Produkte ins Ausland ist umso größer. Dies ist ein zentraler Grund dafür, dass die Bundesregierung sich im Machtkampf gegen die Vereinigten Staaten unter Trump mit allem Nachdruck als "liberale Macht" positioniert: Es geht darum, der deutschen Exportindustrie freie Fahrt auf den Weltmärkten zu garantieren.[6]
Copyright © 2005 Informationen zur Deutschen Außenpolitik

info@german-foreign-policy.com

Valid XHTML 1.0!