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Vom Wert völkischer Minderheiten (I)
10.01.2017
STUTTGART
Mit einem Festakt im Beisein von Außenminister Frank-Walter Steinmeier begeht eine der bedeutendsten Organisationen der auswärtigen deutschen Kulturpolitik, das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa), am heutigen Dienstag den hundertsten Jahrestag seiner Gründung mitten im Ersten Weltkrieg. Das ifa wurde am 10. Januar 1917 als Deutsches Ausland-Institut (DAI) gegründet, um die Beziehungen des Deutschen Reichs zu den deutschsprachigen Minderheiten in aller Welt zu unterstützen. Die Minderheiten sollten dabei in den Dienst der Berliner Politik gestellt werden und darüber hinaus deutsche Wirtschaftsinteressen bedienen. Noch während des Ersten Weltkriegs führte das DAI "Expeditionen" in mehrere vom Reich eroberte Gebiete durch, um die Kontakte Berlins zu dort ansässigen deutschsprachigen Minderheiten zu intensivieren und so die Kontrolle über die okkupierten Territorien zu stärken. In den Jahren der Weimarer Republik wurde das Institut zur zentralen Einrichtung im breiten Netzwerk der Berliner "Deutschtums"-Politik. Schon vor 1933 folgten seine Mitarbeiter völkischen NS-Ideologemen; der Institutsgründer Theodor Wanner erklärte die Deutschen schon 1927 zum "Volk ohne Raum" und forderte die Ansiedlung deutscher Bauern in "entvölkerten Ostgegenden". Nach ihm ist ein ifa-Kulturpreis benannt, den 2016 eine bekannte Menschenrechtsorganisation erhalten hat.
Grußadresse vom Kaiser
Das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) ist am 10. Januar 1917 in Stuttgart gegründet worden - zunächst als "Museum und Institut zur Kunde des Auslandsdeutschtums und zur Förderung deutscher Interessen im Ausland". Ende 1918 erhielt es dann den handlicheren Namen Deutsches Ausland-Institut (DAI), den es bis zu seiner - zeitweisen - Auflösung im Jahr 1945 trug. Ziel des DAI war es, Kontakte zu den sogenannten Auslandsdeutschen in aller Welt aufzubauen und sie möglichst eng mit dem Reich zu vernetzen.[1] Dabei ging es nicht nur um deutsche Staatsangehörige mit Wohnsitz im Ausland, sondern vor allem um deutschsprachige Minderheiten in Europa, Amerika, Afrika und Asien. Zudem sollten die Beziehungen aller "Auslandsdeutschen" zu ihren Wohngesellschaften erforscht werden. Dazu baute das DAI eine Fachbibliothek und ein Museum, eine Personen- und Organisationskartei der "Auslandsdeutschen" und ihrer Vereinigungen sowie eine Auskunfts- und Vermittlungsstelle auf; zudem begann es, ein weitgespanntes Netz von Kontaktpersonen in allen Wohngebieten der "Auslandsdeutschen" zu knüpfen. Gründer und erster Vorsitzender des DAI war der Stuttgarter Unternehmer Theodor Wanner. Zur Gründungsveranstaltung trafen eine Grußadresse und ein monetärer Zuschuss des deutschen Kaisers ein; die Schirmherrschaft über das DAI, das laut einem Pressebericht der "Mittelpunkt der Beziehungen Deutschlands zu seinen Landeskindern" im Ausland werden sollte, übernahm der württembergische König.[2]
Ungenutzte Machtmittel
Die Gründung des DAI trug strategischen Interessen der deutschen Eliten Rechnung. Zunächst ging es in der schwierigen Kriegslage um die Jahreswende 1916/17 darum, bisher noch nicht umfassend genutzte Machtmittel in den Dienst des Reiches zu stellen. Dazu zählten die deutschsprachigen Minderheiten im Ausland. Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg, der im Verwaltungsrat des DAI den Ehrenvorsitz übernahm, hatte schon 1913 auf die strategische Bedeutung der "Auslandsdeutschen" hingewiesen und erklärt, noch bilde "nicht jeder Deutsche im Ausland", wie es Briten oder Franzosen selbstverständlich täten, "seine Heimat in sich ab": "Ich glaube ..., daß die Wichtigkeit der in dieser Richtung zu leistenden Aufgabe bei uns noch viel zu wenig erkannt ist."[3] Das DAI stellte nun die Instrumente bereit, die "Auslandsdeutschen" enger an das Reich zu binden und zugleich ihr Einflusspotenzial für Politik und Wirtschaft Deutschlands nutzbar zu machen. Eine der ersten Aktivitäten des frisch gegründeten Instituts bestand darin, "Expeditionen" in vom Reich und von Österreich-Ungarn besetzte Gebiete zu entsenden, um Beziehungen zu den dort ansässigen deutschsprachigen Minderheiten aufzubauen.[4] Politisches Ziel war die Stärkung der Kontrolle Berlins über deren Wohngebiete. Wozu das konkret für nützlich gehalten wurde, zeigt die Tatsache, dass Bethmann Hollweg in der Gründungsphase des DAI über einen möglichen "Kompromissfrieden" nachdachte. Der Reichskanzler wollte dabei diverse besetzte Gebiete beim Reich halten, darunter Wohngebiete deutschsprachiger Minderheiten wie etwa das Kurland.
Friedenspropaganda
Daneben hatte Berlin mit der Gründung des DAI ein weiteres unmittelbares Ziel im Blick: Um die Vereinigten Staaten vom Kriegseintritt auf der Seite der Entente abzuhalten, sollte nach außen Friedensbereitschaft signalisiert werden; dazu plante man, wie es heute beim ifa heißt, auch "die Auslandsdeutschen, besonders in den USA, für den Friedensgedanken zu mobilisieren". Entsprechend bewarb der württembergische König das DAI in seiner Rede auf der Gründungsveranstaltung als ein "Werk des Friedens inmitten des Krieges".[5] Der Plan misslang. Parallel hatte Berlin jenseits des Atlantik noch ein zweites Ziel im Blick: die deutschsprachigen Minderheiten in Lateinamerika. Die Staaten zwischen Mexiko und Feuerland waren ein wichtiger Wirtschaftspartner des Deutschen Reichs, dessen Unternehmen dort vor dem Ersten Weltkrieg 16 Prozent ihrer Auslandsanlagen investiert hatten und einen regen Handel mit dem Subkontinent trieben. Die Seeblockade und die Einflussarbeit der Entente-Mächte in Lateinamerika während des Weltkriegs schädigten deutsche Interessen stark. Um gegenzusteuern, wurden diverse Maßnahmen ergriffen. So gründeten Kaufleute aus Hamburg am 13. Januar 1916 den "Ibero-amerikanischen Verein" (heute: "Lateinamerika Verein"), der laut einer internen Denkschrift die notleidenden "deutschen Interessen in Südamerika ... sachgemäß ... vertreten" und "fördern" sollte.[6] Parallel wurden in Lateinamerika Organisationen der deutschsprachigen Minderheit gegründet, die gezielt "pro-deutsche Propaganda" treiben sollten - vom "Deutsch-Chilenischen Bund" (1916) über den "Deutschen Volksbund für Argentinien" (1916) bis zum "Germanischen Bund für Südamerika" in Brasilien (1916).[7] Das DAI schuf nun die Möglichkeit, die einzelnen Organisationen zu steuern und sie als unmittelbare Einflussinstrumente von Politik und Wirtschaft des Reichs zu nutzen. Allerdings gelang das erst nach dem Krieg.
Reichswichtig
Wirklich umfassend entfalten konnte das DAI seine Aktivitäten erst in den Jahren der Weimarer Republik. Der Historiker Martin Seckendorf beziffert die damalige Zahl der "Auslandsdeutschen" auf rund 30 Millionen.[8] Berlin hat sie zielstrebig genutzt. "Es liegt auf der Hand, welchen Wert in politischer, kultureller und wirtschaftlicher Beziehung die Erhaltung dieser Minderheiten und ihrer deutschen Gesinnung für das Reich haben muß", hatte der damalige Außenminister Gustav Stresemann im Januar 1925 geschrieben; sie seien unter anderem "berufen ..., als Mitträger der Politik eines fremden Staates die Politik dieses Staates in einem für das Deutsche Reich günstigen Sinne zu beeinflussen".[9] Das DAI galt in der Weimarer Republik, wie der damalige Reichsinnenminister Adolf Köster im Jahr 1922 feststellte, als "wissenschaftlich und politisch bedeutungsvollste Organisation zum Wiederaufbau des Auslandsdeutschtums"; es wurde daher 1923 als "reichswichtige Anstalt" eingestuft und dem Innenministerium unterstellt. Ab 1923/24 nutzte das DAI für seine Propaganda die damals modernsten Medien, Film und Rundfunk; ab 1927 ließ es sich von einem "Wirtschaftsrat" begleiten; bis 1932 hatte es schließlich in seinen Karteien laut Seckendorf zehntausende "Auslandsdeutsche" sowie 38.500 auslandsdeutsche Organisationen erfasst. Es unterhielt ein Netzwerk von rund 1.600 Kontaktpersonen, die nicht nur Informationen lieferten, sondern auch Einfluss im Sinne des DAI nahmen, das seinerseits über Gremien und über persönliche Kontakte eng mit den deutschen Ministerialbürokratien verbunden war.
"Volk ohne Raum"
Das DAI hat seine Auslandsaktivitäten damals um völkische Inlandspropaganda von der deutschen "Blutgemeinschaft" ergänzt, aus der sich eine "deutsche Sonderart", aber vor allem auch eine "volkliche Einheit" ergäben. Wie Seckendorf konstatiert, wies die "Volksgemeinschafts"-Ideologie des DAI "eine hohe Affinität zu jungkonservativen und nationalsozialistischen Volkstumstheoremen" auf, was sich zu Beginn der 1930er Jahre in der Arbeit des Instituts deutlich widerspiegelte. Demnach berichtete die DAI-Zeitschrift "Der Auslandsdeutsche" schon 1932 "auffallend wohlwollend über NS-Aktivitäten in den Siedlungsgebieten der deutschen Minderheiten", und der Leiter der DAI-Presseabteilung stufte eine NS-Publikation über das "Grenz- und Auslandsdeutschtum" als "weitgehend identisch mit den Auffassungen des DAI" ein.[10] Laut Angaben des Länderreferenten des DAI aus dem Jahr 1933 rechnete sich der Mitarbeiterstab des Instituts "so gut wie ausschließlich seit langem der nationalen Erneuerungsbewegung" zu. DAI-Gründer Wanner hatte bereits 1927 in einer internen Sitzung erklärt, die Deutschen seien ein "Volk ohne Raum"; man müsse deutsche Bauern in "entvölkerten Ostgegenden und Ödgebieten" ansiedeln, um "gegen die andrängende slawische Flut im Osten einen neuen Menschen- und Bauernwall zu setzen".[11]
Dialog der Kulturen
Wanner wird vom DAI-Nachfolger ifa, das ihn 1951 zum Ehrenvorsitzenden ernannte, als Liberaler gewürdigt, der "für das bürgerschaftliche Engagement für den Dialog der Kulturen" stehe.[12] Nach ihm ist der "Theodor-Wanner-Preis" benannt, mit dem das ifa seit 2009 Persönlichkeiten ehrt, "die sich in herausragender Weise für interkulturellen Dialog, Frieden und Völkerverständigung einsetzen". Im vergangenen Jahr hat den Preis die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) erhalten.
Kontinuitäten
Das DAI hat seine bedeutende Stellung im Netzwerk des organisierten "Auslandsdeutschtums" im NS-Reich behalten und seine Aktivitäten in der Bundesrepublik als ifa weitergeführt. german-foreign-policy.com berichtet in Kürze.
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