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"Ein Sammelpunkt der OUN"
02.05.2014
BERLIN
Über das Exil des ukrainischen OUN-Führers Stepan Bandera sowie weiterer Aktivisten der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) sprach german-foreign-policy.com mit Grzgorz Rossolinski-Liebe. Rossolinski-Liebe arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin und forscht unter anderem über Antisemitismus, Faschismus und die Kollaboration in Ostmitteleuropa. Seine Monographie "Stepan Bandera: The Life and Afterlife of a Ukrainian Nationalist. Fascism, Genocide, and Cult" erscheint im Herbst dieses Jahres.
german-foreign-policy.com: Eine zentrale Rolle in der Geschichtsmythologie, die die Regierung von Präsident Juschtschenko in der Ukraine massiv gefördert hat, spielt der NS-Kollaborateur Stepan Bandera...

Grzegorz Rossolinski-Liebe: Stepan Bandera kollaborierte mit den Nationalsozialisten nur bis Anfang Juni 1941 und dann ab Ende September 1944 wieder. In der Zwischenzeit wurde er in Berlin und Sachenhausen als Sonderhäftling gefangen gehalten. Die Organisation der Ukrainischen Nationalisten (OUN, Orhanizatsia Ukraїns'kykh Natsionalistiv) und die von der OUN gegründete Ukrainische Aufständische Armee (UPA, Ukraїns'ka Povstans'ka Armiia) kollaborierten mit den Deutschen zwischen Sommer 1941 und Frühling 1944 ebenso nicht, aber sie waren maßgeblich am Genozid an den Juden in der Westukraine beteiligt und führten eine "ethnische Säuberung" gegen polnische Bewohner von Wolhynien und Ostgalizien durch. Viele OUN-Mitglieder kollaborierten auch mit den deutschen Besatzern als Polizisten und unterstützen sie bei Massenerschießungen und bei Auflösungen der Ghettos. Das von den Deutschen in Praxis übermittelte Wissen darüber, wie man eine nationale Gruppe in einer relativ kurzen Zeit auslöscht, nutzten sie, nachdem sie im Frühling 1943 zu der UPA übergelaufen waren und die Polen in Wolhynien und Ostgalizien niedermetzelten. Zu dieser Zeit jagte die UPA auch die sich in den Wäldern versteckenden Juden, die aus den Ghettos und Zwangsarbeitslagern geflohen waren. Mehrere Gruppen von jüdischen Flüchtlingen wurden in den wolhynischen und galizischen Wäldern von der UPA und ebenso von den Deutschen, der ukrainischen Polizei und der lokalen Bevölkerung niedergemetzelt. Deshalb war in der Westukraine die "offizielle" Kollaboration nicht maßgeblich. Wichtiger war, dass die OUN und UPA die Pläne der Nationalsozialisten gegenüber den Juden guthießen und ihnen halfen, die Westukraine "judenfrei" zu machen, selbst als die Nationalsozialisten einige Hundert OUN-Mitglieder in den Konzentrationslagern als politische Häftlinge und Sonderhäftlinge gefangen hielten.

gfp.com: Bandera landete nach der Kriegsniederlage der Deutschen schließlich in München. Wie gestaltete sich sein Lebensweg dort?

Rossolinski-Liebe: Bandera verließ Berlin Ende Januar 1945 und versteckte sich in Österreich. Als der Zweite Weltkrieg zu Ende war, begann er mit Unterstützung der CIA und des MI6 ein Zentrum in München aufzubauen. Er versteckte sich vor dem KGB, das ihn mehrere Male zu entführen oder zu töten versuchte. Bis 1954 lebte er zusammen mit seiner Familie in kleinen Orten außerhalb von München und fuhr fast jeden Tag nach München hinein, um das OUN-Zentrum in der Zeppelinstraße 67 zu leiten.

gfp.com: München ist unmittelbar nach dem Krieg eine Exil-Hochburg von einstigen NS-Kollaborateuren aus verschiedenen Ländern Osteuropas gewesen. Gilt das auch für das ukrainische Exil?

Rossolinski-Liebe: Im Frühjahr 1944 verließen zusammen mit den deutschen Besatzern mehrere Tausend ukrainische Kollaborateure (Journalisten, Polizisten, Angestellte) die Ukraine, um den Kontakt mit den sowjetischen Machthabern zu vermeiden. Sie blieben nach dem Krieg in den Lagern für Displaced Persons in Westdeutschland und Österreich und wurden in den späten 1940er Jahren nach Australien, Kanada, Großbritannien und in die USA umgesiedelt. Einige Tausend verblieben aber auch in Westdeutschland. München war neben Toronto, London und New York ein Sammelpunkt der OUN-Mitglieder und UPA-Veteranen. Eine wichtige Rolle im Kalten Krieg spielte auch die Münchner Ukrainische Freie Universität, deren Rektor von 1968 bis 1986 ein OUN-Mitglied war, der radikale Nationalist Volodymyr Ianiv, ein Freund Banderas. Die Universität stellte auch mehrere weitere OUN-Mitglieder und Veteranen der Waffen-SS-Division Galizien sowie Mitarbeiter des Antibolschewistischen Blocks der Nationen ein und arbeitete mit solchen Wissenschaftlern wie dem Professor für Politikwissenschaften am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin Bohdan Osadczuk oder Volodymyr Kosyk, der an der Universität Paris-Sorbonne dozierte, zusammen. Der Antibolschewistische Block der Nationen wurde von Iaroslav Stets'ko geleitet und schloss Veteranen mehrerer osteuropäischer faschistischer Bewegungen wie der kroatischen Ustaša, der rumänischen Eisernen Garde und der slowakischen Hlinka-Partei ein, von denen einige, wie Stets'ko, während des Zweiten Weltkrieges für die Unterstützung der deutschen Politik gegenüber den Juden in ihren Ländern plädiert hatten. Der Antibolschewistische Block der Nationen wurde auch vom westdeutschen Bundesminister für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte Theodor Oberländer unterstützt.

gfp.com: Entfaltete das ukrainische Exil in München auch politische Aktivitäten?

Rossolinski-Liebe: Die OUN gab in München Zeitungen heraus, besaß einen Verlag, der Bücher auf Deutsch, Englisch und Ukrainisch publizierte, und organisierte antisowjetische Protestaktionen. Des Weiteren blieb sie noch in Kontakt mit der UPA, die bis in die frühen 1950er Jahre in der Westukraine im Untergrund ausgeharrt hat. Der Kontakt zur UPA wurde jedoch immer dünner, und die OUN in München nutzte die UPA vor allem für ihre politischen Propagandazwecke. Die ukrainischen Exilanten stellten die UPA als eine Befreiungsbewegung dar, die gegen die deutschen Okkupanten gekämpft hatte und seit 1944 auf der Seite der Westmächte gegen die Sowjetunion kämpfte. Die USA, Großbritannien, Westdeutschland und einige weitere westliche Länder sahen in der OUN und der UPA Verbündete und unterstützten die ukrainischen Exilanten, weshalb sie auch politische Zentren wie jenes in München aufbauen konnten.

Die ukrainischen Exilanten in München waren jedoch zerstritten. Bandera vertrat nach dem Zweiten Weltkrieg die Meinung, dass die OUN weiter faschistisch organisiert sein sollte und in der Ukraine ein autoritäres Regime etablieren müsste. Andere Exilanten wollten die Ukraine mit einer Atombombe befreien. Einige OUN-Mitglieder wie Lev Rebet oder Volodymyr Stakhiv distanzierten sich von Banderas Ansichten und wollten die OUN-Ideologie demokratisieren, was jedoch nie geschehen ist.

gfp.com: Gab es Kontakte zu geheimdienstlichen Kreisen, die in und um München ja von deutscher wie von US-amerikanischer Seite recht präsent waren?

Rossolinski-Liebe: Die OUN wurde von der CIA, dem MI6 und später dem BND unterstützt. Sowohl der amerikanische als auch der englische Geheimdienst rekrutierten Agenten aus OUN-Mitgliedern und schickten sie in die sowjetische Westukraine. Die meisten OUN-Agenten wurden jedoch vom KGB gefangengenommen und wechselten die Seite oder wurden exekutiert. In Westdeutschland haben ehemalige nationalsozialistische Kreise, darunter solche Politiker wie Gerhard von Mende, Bandera geholfen und ihn geschützt. In den ersten Jahren nach dem Krieg hat die OUN zusammen mit dem amerikanischen Geheimdienst mehrere Ukrainer in den DP-Lagern, die sie der Zusammenarbeit mit dem KGB verdächtigten, ermordet und ihre Leichen eingeäschert. Am wenigsten sind die Details der Zusammenarbeit zwischen dem BND und der OUN bekannt, weil der BND bis heute keine Dokumente über diese Kooperation freigegeben hat. Die CIA-Dokumente suggerieren jedoch, dass kein anderer westlicher Geheimdienst so lange wie der BND die OUN in München unterstützt und Bandera so viel Macht eingeräumt hat.

gfp.com: Wie gingen die ukrainischen Exil-Organisationen mit ihrer Beteiligung an den NS-Verbrechen um - kam es zu einer kritischen Auseinandersetzung?

Rossolinski-Liebe: Ukrainische Exilanten haben die Massenverbrechen der OUN und der UPA ignoriert und geleugnet. Teilweise wurde die Massengewalt der ukrainischen Nationalisten von denselben Aktivisten geleugnet, die sie im Krieg praktiziert oder koordiniert hatten. Einige OUN-Mitglieder und UPA-Veteranen wie Taras Hunczak, Volodymyr Kosyk oder Petro Potichnyj sind Geschichtswissenschaftler an amerikanischen, deutschen, französischen und kanadischen Universitäten geworden und haben dort als wissenschaftliche Mitarbeiter und Professoren gearbeitet. Das von ihnen etablierte Narrativ stellte die OUN und UPA als eine patriotische Befreiungsbewegung dar, die gegen das nationalsozialistische Deutschland und die Sowjetunion um die Unabhängigkeit der Ukraine gekämpft hätten, nicht einer faschistisch-rassistischen Ideologie gefolgt seien und keine Massengewalt gegen Zivilisten begangen hätten. Der Rassismus, Antisemitismus, Faschismus und radikaler Nationalismus der OUN wurden ignoriert oder geleugnet. Dies überrascht jedoch nicht so sehr wie die unkritischen Arbeiten von Historikern, die nicht in der OUN oder der UPA aktiv gewesen waren, aber in ihren Publikationen die Massenverbrechen der ukrainischen Nationalisten ausgelassen bzw. das Narrativ der OUN-Historiker in abgeschwächten Versionen präsentiert haben.

gfp.com: Können Sie Beispiele nennen?

Rossolinski-Liebe: John Armstrong, der 1954 die erste Monographie über die OUN und den Zweiten Weltkrieg veröffentlicht hat, schrieb fast nichts über die Massengewalt der OUN und der UPA gegen die Polen und wusste nicht, dass die OUN in die Pogrome von 1941 involviert war und in den Wäldern Juden ermordet hat. Bei der Arbeit an seiner Studie hat er einen Großteil relevanter Dokumente, wie die Berichte der Überlebenden, nicht angefasst. Dagegen hat er die Aussagen der OUN-Exilanten, die er interviewte, als eine wichtige Quellengattung verstanden. Historiker in Deutschland haben zwar die nationalsozialistische Besatzung in der Westukraine und die Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten vorbildlich aufgearbeitet, aber die Kollaboration mit der OUN haben sie nur stückweise erforscht und die Massengewalt der OUN und der UPA gegen Juden, Polen und Ukrainer, die unabhängig von der Kollaboration mit den deutschen Besatzern verübt wurde, weitestgehend ignoriert. Dazu kam es, weil sie mehrere wichtige Quellengattungen ausgelassen haben und die Gesamtheit der Besatzungsrealität nur aus deutschen Dokumenten erklären wollten, die aber nur ein Bruchstück der Gesamtrealität präsentierten. Auch spielte es eine wichtige Rolle, dass die deutsche Geschichtswissenschaft stark auf den deutschen Nationalsozialismus fixiert war und immer noch ist. Dies hat sich - für viele in Deutschland vermutlich unerwartet - negativ auf eine komplexe Aufarbeitung der Vergangenheit ausgewirkt und dazu geführt, dass die Geschichte des Holocaust und des Zweiten Weltkriegs heute noch einmal aufgearbeitet werden muss bzw. einer komplexeren, europäisch und pluralistisch ausgerichteten Aufarbeitung bedarf als jener, die in den 1970er Jahren in der BRD begann, national ausgerichtet war und daher den Holocaust nur fragmentarisch aufgearbeitet hat. So haben deutsche Historiker seit den 1970er Jahren die führende Rolle der Deutschen bei dem europäischen Genozid an den Juden zwar fehlerlos aufgearbeitet, aber die Beteiligung von solchen Bewegungen wie der OUN und UPA am Holocaust sowie weitere Massenverbrechen dieser Bewegung kaum angerührt. Ähnlich haben sie auch die Beteiligung vieler anderer Gruppen in der Ukraine sowie in fast allen weiteren europäischen Ländern nicht untersucht, sondern sich meistens nur auf die deutsche Besatzung konzentriert und die Komplexität des Holocaust auf die nationalsozialistische Verfolgungs- und Vernichtungspolitik reduziert. Deshalb kann es auch nicht überraschen, dass diese Aufarbeitung des Holocaust und des Zweiten Weltkrieges politischen Interesse- und Erinnerungsgemeinschaften wie den OUN-Exilanten und den UPA-Veteranen entgegenkam und von ihnen bis heute gelobt wird.

gfp.com: Spielen das ukrainische Exil und seine politische Grundhaltung für die heutige Politik in der Ukraine noch eine Rolle?

Rossolinski-Liebe: Die Ukraine ist eine heterogene Nation und ein heterogener Staat. Die Menschen in vielen Regionen der Ukraine sprechen kein Ukrainisch und betrachten die "ukrainischen" Traditionen, die in der Westukraine - vor allem in Ostgalizien - verankert sind, nicht als ihre eigenen. Die von der ukrainischen Diaspora propagierten Werte basieren jedoch größtenteils auf einem Narrativ, das die OUN und UPA als patriotische Helden präsentiert und sich für eine ethnisch, kulturell und sprachlich homogene Ukraine ausspricht bzw. die gesamte Ukraine im nationalen Sinne ukrainisieren möchte. Dieser Prozess stößt in vielen Regionen der Ukraine auf Proteste und Gegenreaktion. Die Zentral-, Ost- und Südukraine glauben nicht an den heldenhaft-patriotischen Mythos der OUN-UPA oder an den "Nationalhelden" Stepan Bandera und sie sind dazu noch feindlich gegenüber dieser Bewegung und ihren "Helden" eingestellt. Meines Erachtens braucht die Ukraine eine pluralistische Politik und eine heterogene Staatsidentität, mit der sich Bewohner aller Teile der Ukraine identifizieren können. Die von der Diaspora propagierten Werte sind dafür nicht geeignet, weil sie nicht heterogen und pluralistisch sind und der gesamten Ukraine eine regional-nationalistische Identität oktroyieren wollen.
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